roter Spaziergang
Die ostdeutschen Ampelmännchen sind echte Berliner Jören: Am 13. Oktober 1961 wurde in der Hauptstadt der DDR die erste Fußgänger-Ampel vorgestellt. Der Verkehrspsychologe
Karl Peglau nahm sich damals der Aufgabe an, die Unfall-Gefahren des wachsenden Straßen-Verkehrs einzudämmen. Seine Idee war, die bisher nur aus Farbsignalen bestehende, allein bestimmende Autoampel durch jeweils eigene Ampeln für die anderen Verkehrsgruppen zu ergänzen. Dieses System wollte er mit Farb-Form-Signalen ausstatten.
Daraus ging auch die Fußgänger-Ampel hervor, deren Gestaltung psychologisch wohl durchdacht war: Auf sympathische Symbole reagieren die Verkehrsteilnehmer eher als auf rote oder grüne Kreise, allen voran Kinder. Die ausgebreiteten Arme des roten Männchens signalisieren deutlich: Hier wird gewartet. Hingegen verbildlicht der dynamische Schritt des grünen Männchens, jetzt geht's weiter.
Karl Peglau und sein erster Entwurf
Die Ampelsymbole mit den menschlichen Zügen erfüllten bald ihren Zweck. Sie erfreuten sich schnell großer Beliebtheit und erheiterten nebenbei auch immer wieder den DDR-Alltag. 1982 begann für die Ampelmännchen eine steile Fernseh-Karriere. Der DEFA-Regisseur Friedrich Rochow setzte sie in seinen Verkehrserziehungs-Filmen für Kinder ein. Als "Über-Ich" standen sie den Hauptakteuren, den beiden Schulkindern Stiefelchen und Kompasskalle, in brenzligen Situationen stets zur Seite. Dafür verwandelten sich die Ampelmänner zu Zeichentrick-Stars, die bald im ganzen Land bekannt waren. In über 80 Folgen, die im Sandmännchen ausgestrahlt wurden, gaben sie den Kindern viele wertvolle Tipps.
Wie so viele Dinge des alltäglichen Ost-Lebens sollten im Zuge der Wiedervereinigung auch die Ampelmännchen verschwinden. Schon bald danach fingen West-Deutsche Behörden, Politiker und Verkehrstechniker an, die Männchen der Ost-Ampeln schlecht zu reden. Per Verordnung wurden sie verbannt und man begann Anfang der 90er Jahre sie durch den West- oder Euro-Ampelmann zu ersetzen. Neben ideologisch anmutenden Argumenten wurde auch die angebliche technische Schwäche der Ost-Ampeln ins Feld geführt. Dass die angeführten Argumente nur die Mängel der veralteten Elektronik betrafen und nicht die Symbole, wollten die Bürokraten nicht hören.
Die BRD-Männer:
Steif und ohne Leben
Der 1995 nach Berlin umgesiedelte Tübinger Designer Markus Heckhausen nahm sich der entsorgten Männchen an. So befreite er sie aus den Höfen der Straßenbaumeistereien, bevor der Schredder kam. Aus dem Originalglas entstanden die ersten Ampelmann-Produkte: die rote und die grüne Ampelleuchte. Kaum hatte der findige Designer sie der Öffentlichkeit vorgestellt, waren sie in aller Munde. Durch das breite Medienecho auf die Leuchte rückten die bedrohten Ampelmännchen® ins Bewusstsein der Berliner und Ost-Deutschen, aber auch der West-Deutschen.
Die Ampelmännchen®
auf dem Schrottplatz
Der Ampelmann® jetzt
auch als Kult-Leuchte
Nun regte sich Widerstand. Nach dem Motto "Wir sind das Volk" versuchten engagierte Bürger aus Ost und West die drohende Abschaffung eines der letzten DDR-Zeichen zu verhindern. Ein "Komitee zur Rettung der Ampelmännchen" wurde gegründet. Mit vielen kreativen Aktionen gelang es, den lustigen Figuren vermehrte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Da sich auch die Medien des Themas annahmen, kamen Politiker und Behörden nicht mehr umhin, sich einer sachlichen Diskussion zu stellen.
Vorteile wie deutliche Symbolik oder große Akzeptanz des Ampelmännchens waren einfach nicht zu leugnen. Und durch seine gedrungene Figur und den großen Kopf mit Hut hat der Ostmann eine fast doppelt so große Leuchtfläche als der westliche Konkurrent. Dies verbessert die Erkennbarkeit, was vor allem für Kinder wichtig ist. 1997 war dann klar: die beliebten Ost-Ampelmännchen waren gerettet und durften ihren Platz im Straßenbild behalten.
Im Vergleich:
Ost-Ampelmännchen mit klarer Bildsprache
und mehr Licht
Die Ost-Ampelmännchen werden seither auch in den Richtlinien für Signal-Anlagen (RiLSA) geduldet. Hier ist als zulässiges Symbol der West-Mann aufgeführt. Der Zusatz "oder ähnliche Sinnbilder" ermöglicht aber auch den Ost-Männchen ihre Existenz. Daraufhin gaben die meisten für Verkehr zuständigen Ministerien in den Neuen Bundesländern Empfehlungen heraus, die Ost-Ampelmännchen bevorzugt einzusetzen. Dies solle vor allem bei Neu- oder Umbauten von Ampeln geschehen, um der "ostdeutschen Identität Ausdruck zu verleihen".
Kurios ist diese Regelung an Schnittpunkten von Bundes- und Kommunalstraßen, da bei ersteren der Bund das Sagen hat und die West-Männchen bevorzugt. So passiert es immer wieder, dass an einer Kreuzung verschiedene Männchen die Signale geben. In West-Deutschland gibt es inzwischen in einigen wenigen Städten ausgewählte Kreuzungen, an denen die Ost-Ampelmännchen die Fußgänger leiten. Dies ist aber eher als solidarische Geste zu verstehen. Denn trotz der genannten Vorteile stand eine generelle Auswechselung in die andere Richtung nie zur Debatte.
Leuchten nicht nur in Berlin
1997 gab Markus Heckhausen im Eulenspiegel Verlag "Das Buch vom Ampelmännchen" heraus. Geschichte und Rettung werden ausführlich vom Vater des Ampelmännchens, Karl Peglau sowie anderen Zeitzeugen dargestellt. Zudem werden verschiedene Hintergründe und Nebenschauplätze beleuchtet. Viele Fotos und Illustrationen machen das Thema auch optisch erfahrbar.
Schon in 4. Auflage erschienen
Das große Interesse an der Ampelleuchte und dem Buch motivierte Markus Heckhausen, die Ampelmännchen weiter lebendig sein zu lassen. Zusammen mit Barbara Ponn und der gemeinsamen MAKE Design GmbH brachte er 1999 die erste Ampelmann®-Kollektion heraus. Artikel wie z. B. Flaschenöffner, Fruchtgummis, Magnete, Korkenzieher, Schlüsselanhänger oder T-Shirts fanden viele Abnehmer. Auch in den folgenden Jahren wurden ständig neue Produkte entwickelt. So z. B. die Verkehrssicherheits-Serie oder die Bad-Kollektion.
Mit jedem neuen Produkt wurde das Interesse größer und die Berichterstattung in den Medien nahm stark zu. Inzwischen ist der Ampelmann® zu einem der beliebtesten "Berliner" aufgestiegen.
Der Ampelmann® als Sympathieträger
Zum Kultstatus der Ampelmännchen hat auch die Ausstellung zu ihrem 40-jährigen Jubiläum 2001 beigetragen. Aus dieser Ausstellung ging der erste Ampelmann® Galerie Shop hervor, der seitdem in den Hackeschen Höfen zu finden ist. Hier werden neben historischen Infos alle ca. 50 Ampelmann-Artikel angeboten. Weitere Ampelmann® Shops in Berlin befinden sich seit 2004 am Potsdamer Platz (Arkaden) sowie Unter den Linden (DomAquarée) Auch der Vertrieb an Wiederverkäufer sowie der Direktvertrieb über den Webshop tragen den Ampelmann® in alle Welt.
Ausstellung 40 Jahre Ampelmann®
2001, Berlin, Hackesche Höfe